Mark Lilla: The Once and Future Liberal – After Identity Politics

I write as a frustrated American liberal. My frustration is not directed at Trump’s voters […]. Others will take them on. My frustration has its source in an ideology that for decades has prevented liberals from developing an ambitious vision of America and its future that would inspire citizens of every walk of life and in every region of the country. A vision that would orient the Democratic Party and help it win elections and occupy our political institutions over the long term, so we might effect the changes we want and America needs.

(Mark Lilla, The Once and Future Liberal, S. 6)

Der tote Prophet, der This mess we’re in erklären sollte. Gleich nach der Wahl Trumps machten Auszüge aus Richard Rortys „Achieving Our Country – Leftist Thought in Twentieth-Century America“ von 1998 die Runde, in denen der 2007 verstorbene Philosoph den politischen GAU vorausgesagt hat. „Eines Tages wird es einen Riss in Amerika geben. Ein beträchtlicher Teil der Wählerschaft wird zu dem Schluss kommen, dass das System gescheitert ist, und wird sich nach dem starken Mann umsehen, den es wählen kann. Der wird ihnen versichern, dass nach seiner Wahl die schmierigen Bürokraten, die Winkeladvokaten, die überbezahlten Fondsmanager und die postmodernen Professoren nichts mehr zu sagen haben werden“, so die Worte Rortys. Die Verantwortung hierfür wies er der Linken zu, die die alten Bindungskräfte der Arbeiterbewegung an den weißen Ordinary Joe nicht mehr aufrechterhalten kann.

Mark Lilla: The Once and Future Liberal – After Identity Politics
Mark Lilla: The Once and Future Liberal – After Identity Politics

Nicht mehr aufrechterhalten, weil sich die Linke in kulturellen Fragen verzettelt, wie Rorty bereits 1997 in einem Interview mit der DIE ZEIT dargelegt hat: „Unsere kulturelle Linke betreibt, angeregt durch Foucaults Analysen, eine Politik des Verdachts statt eines politischen Projekts. Damit Sie mich nicht mißverstehen: Ich glaube, diese Bewegungen haben eine Menge Gutes bewirkt. Die Situation für Frauen, Homosexuelle und Afroamerikaner hat sich durch den Erfolg der kulturellen Linken sehr verbessert. Aber die wirtschaftliche Ungleichheit in unserer Gesellschaft nimmt immer extremere Formen an. Wohin das Land steuert, wird sich auf dem Feld der Ökonomie entscheiden. Es ist eine sehr heikle Angelegenheit, dass wir nun jenen verdienstvollen Leuten, die ihr politisches Leben der Minderheitenpolitik gewidmet haben, sagen müssen: Macht mal Pause. Interessiert euch jetzt bitte einmal wieder für die Probleme weißer heterosexueller Männer, die keine Arbeit finden und ihre Familie nicht versorgen können. Arme weiße Heterosexuelle interessieren sich nicht für die theoretischen Haarspaltereien der Mittelschichtintellektuellen der kulturellen Linken.“

Übersimplifizierend lässt sich Rortys Vorwurf so zusammenfassen, dass sich die Linke hingebungsvoll mit Gender-Toiletten beschäftigt, während den Leuten in den alten Industriegebieten die Jobs unter den Füßen wegbrechen; den rechten Volkstribunen wird dadurch eine sperrangelweit offene Flanke geboten. Eine These, die wahlweise als „mutig“ oder „gewagt“ bezeichnet werden kann, eine Auseinandersetzung über sie hat jedoch beständig mit dem Nachteil zu kämpfen, dass der vor zehn Jahren verstorbene Rorty schwerlich noch neue Gedanken beisteuern kann.

Wer es noch kann, ist Mark Lilla. Lilla hat am 18. November 2016 – also gerade einmal zehn Tage nach Trumps Wahl – in der New York Times mit „The End of Identity Liberalism“ einen Essay veröffentlicht, der in eine ähnliche Kerbe wie Richard Rorty schlägt. Der amerikanische Ideengeschichtler hat in dem Essay die linke Identitätspolitik für die Wahlniederlage der Demokratischen Partei verantwortlich gemacht. Genauer, er hat den Linken vorgeworfen, sich nur noch mit „Fragen ethnischer, geschlechtlicher und sexueller Identität zu beschäftigen“, wodurch „eine Generation hervorgebracht [wurde], die in narzisstischer Blindheit gegenüber den Lebensrealitäten außerhalb ihrer eigenen Gruppe“ verharrt. Und dadurch unwählbar bei der „weißen Arbeiterklasse und den stark religiösen Wählern“ wurde. Schlimmer noch, die „eigene Obsession mit der Diversität“ der Linken hat die weißen Amerikaner der ländlichen Regionen wiederum dazu gebracht, „sich als eine benachteiligte Gruppe wahrzunehmen, deren Identität bedroht oder missachtet wird.“ Und, überhaupt, war und ist „die erste Bewegung, die sich in Amerika auf Identität berief, der Ku-Klux-Klan.“

Harter Tobak, der aber zumindest zu einer grenzüberschreitenden Debatte geführt hat. Das Urteil über Lillas Essay fiel wahlweise entsetzt oder zustimmend aus, in Deutschland war Patrick Bahners etwa alles andere als amüsiert, in der FAZ warf er Lilla vor, dass seine „psychologische Aufschlüsselung der Clinton-Koalition die Anliegen von Frauen und Schwarzen als Luxussorgen“ abtut. Mit der Einschätzung war Bahners nicht allein, der Standard-Vorwurf an Lilla lief darauf hinaus, dass er letztlich die Minderheiten unter den Bus schmeißen würde. Auf der anderen Seite gab es Stimmen wie Ijoma Mangold, der sich in der DIE ZEIT durchaus wohlwollend über Lillas Kritik der Identitätspolitik geäußert hat: „Dass der gute, alte Universalismus mit seiner gewissen neutralen Kaltherzigkeit, mit seinem Citoyen-Formalismus die Gesellschaft insgesamt vielleicht doch besser zusammenführt, das wird das politische Denken der nächsten Jahre beschäftigen. Die liberale Gesellschaft jedenfalls wird den Kampf gegen den rechten Populismus nicht gewinnen, wenn sie die identitätspolitischen Routinen für sakrosankt erklärt und die Räume des Nachdenkenswerten immer enger macht.“

Eine Debatte, die in Deutschland vornehmlich daran krankte, dass in sämtlichen (!) Beiträgen vom „Liberalismus“, von „Liberalen“ und „liberalen Werten“ geredet wurde, dabei ist Lilla ein Linker, der eine andere linke Politik einfordert. Die Bedeutungsverschiebung des Begriffs „Liberalism“ in Amerika wurde vom deutschen Feuilleton komplett ignoriert; ein Fehler, der das Verständnis enorm erschwert, geht es Lilla doch eben nicht um die Freiheit des Individuums. Sondern, ganz im Gegenteil, um eine Renaissance des Wirs. Des inklusiven Wirs, in alter linker Tradition.

The Once and Future Liberal

Nachgelegt hat Mark Lilla Mitte August 2017 mit einem Buch, in „The Once and Future Liberal – After Identity Politics“ führt Lilla die Thesen aus dem New-York-Times-Essay auf rund 160 Seiten aus. In einer für Lilla eher ungewöhnlichen Weise, statt mit Ideengeschichte befasst er sich vergleichsweise stark mit der amerikanischen (Sozial-)Geschichte im 20. Jahrhundert. Und, Franz Münteferings „Opposition ist Mist. Lasst das die anderen machen – wir wollen regieren“ lässt grüßen, mit der Frage, wie die Linke wieder an die Macht kommen kann, was laut Lilla derzeit von überragender Bedeutung ist. Auch und insbesondere für Frauen, für schwarze Amerikaner, für die LGBT-Minderheiten und allen anderen diskriminierten Gruppen. Also von den Menschen, deren reale Diskriminierungserfahrungen Lilla laut Bahners und Co. als „Luxussorgen“ abtut.

Zwei Präsidenten sind es, die für Lilla im 20. Jahrhundert epochenbildend in Amerika gewirkt haben. Und noch immer wirken. Zum einen Franklin D. Roosevelt und sein New Deal, zum anderen Ronald Reagan und seine Staatsverachtung. Beide Politiker haben nicht nur bedeutende politische Vorhaben implementiert, sondern die Gesellschaft mit ihren Ideen über Jahrzehnte geprägt. Beide haben das politische Denken nachhaltig wie sonst kein anderer Politiker verändert; wobei Mark Lilla keinen Hehl aus der Tatsache macht, dass er Franklin D. Roosevelt bewundert und Ronald Reagan doch eher verachtet.

Franklin D. Roosevelt war es, der Amerika mit dem New Deal eine Vision von einem besseren, einem gerechteren Leben gab, der Lilla nachtrauert. Eine Vision fürs Land, die mit Rechten und Pflichten fürs Individuum einherging; eine Vision von einem starken (Sozial-)Staat, die so überzeugend war, dass selbst Republikaner sich ihr nicht entziehen konnten. Eine Vision, die davon getragen wurde, dass es tatsächlich so etwas wie ein Band gibt, das alle Amerikaner verbindet. Der die Vorstellung von einem „Wir“ zugrunde lag, das sich nicht in patriotischen „USA!“-Rufen am 4. Juli erschöpft, sondern die Einsicht in die Notwendigkeit von Solidarität konstituiert. So zumindest Lillas Gedankenwelt.

Ronald Reagan hingegen legte die Axt an den New Deal und den Staat an. Reagans Vision war laut Lilla im Kern „anti-political“, also antipolitisch, konnte aber dennoch (deshalb?) die Hearts and minds erobern, schaffte es Reagan doch, die Nostalgie an die vermeintlich gute Vor-New-Deal-Zeit mit Futurismus zu verbinden. Alles wird gut, wenn man nur den Staat schrumpft, eine libertäre, vom Individualismus getragene Vision, unter deren Banner es Reagan jedoch gelang, die extrem heterogene, zersplitterte Rechte zu einen. Mehr noch, seit Reagan streben im ganzen Land Rechte äußerst zielstrebig danach, Staatsämter zu erobern, um den Staat anschließend von innen heraus zu schrumpfen. Und das auf allen Ebenen, vom County bis zum Bundesstaat, mit ihren Think-Tanks, ihren Medien, ihren Grassrootsbewegungen beißen sich die Rechten an der Macht fest, gerade in der Fläche, in der die immer stärker urban und akademisch geprägte Linke häufig schon gar nicht mehr präsent ist. Weder geistig noch physisch.

Der Boden für den Epochenwechsel von Roosevelt zu Reagan wurde in den späten Sechzigern und den Siebzigern gelegt. Vietnam und Watergate haben das Vertrauen der Amerikaner in den Staat nachhaltig untergraben, gleichzeitig verfestigten sich trotz der staatlichen Sozialprogramme Armut und Arbeitslosigkeit im Land, die Unintended consequences der umfangreichen staatlichen Maßnahmen traten immer deutlicher zutage. Der Staat (und mit ihm die New-Deal-Visionen) wurde nicht mehr als Lösung, sondern in einem immer stärkerem Maße als Problem angesehen. Hinzu kam, dass sich die Linke laut Lilla beginnend mit den Siebzigern wandelte: Selbstbespiegelung statt Solidarität.

Identity politics

Das Abdriften der Linken ins Narzisstische macht Lilla an dem Sech­zi­ger­jah­re-Slogan „The personal is political“ fest, der sich auch bei deutschen Achtundsechzigern als „Das Private ist politisch“ großer Beliebtheit erfreute. Beziehungsweise an seiner Deformation. Ursprünglich noch in guter, alter linker Manier so interpretiert, dass die Trennung von privater und politischer Sphären eine Chimäre sei, da die politischen Macht- und Herrschaftsverhältnisse unweigerlich ins Private durchschlagen (Herr Professor Adorno hätte „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ gesagt), fand wenig später eine Umkehrung statt. Das Private wurde zum Dreh- und Angelpunkt des Politischen erhoben. Oder, in Mark Lillas süffisanten Worten: „That what we think of political action is in fact nothing but personal activity, an expression of me and how I define myself. As we would say today, it is a reflection of my identity.“

Eine Entwicklung, die schließlich die Identitätslinken hervorgebracht hat; Linke, deren politisches Denken sich primär um die eigene Identität dreht. Obwohl ansonsten mit ausgeprägtem Sprachgefühl, bemüht Mark Lilla Florett und eben auch Keule, um die Protagonisten der linken Identitätspolitik zu treffen. Sein Hauptvorwurf besteht darin, dass die Identitätslinken „Pseudo-politics of self-regard and increasingly narrow and exclusionary self-definition“ betreiben würden; mit ihrer pseudopolitischen Haltung wären sie das perfekte Pendant zu den antipolitischen Reagan-Anhängern. Mehr noch, er bemüht an einer Stelle die marxistische Sichtweise, um ihnen Sätze wie „Identity is not the future of the left. It is not a force hostile to neoliberalism. Identity is Reaganism for lefties“ um die Ohren schlagen zu können.

Während Lilla die Bürgerrechtsbewegung der Fünfziger, Sechziger und Siebziger ähnlich hoch wie Franklin D. Roosevelts New Deal hält, wirft er den Identitätslinken vor, alles Erreichte wieder zu gefährden. Über narzisstische Pseudo-Politik kämen die Identitätslinken nicht hinaus, obwohl sich die Rechten die echten politischen Machtsphären krallen, worunter ethnische und sexuelle Minderheiten, Frauen und ökonomisch Marginalisierte als erstes und am stärksten leiden würden. Und bereits werden, etwa die Transmenschen im US-Militär. Oder die „Dreamers“. Auf deutsche Verhältnisse heruntergebrochen: Während die von Menschenentsorgungsphantasien getriebene AfD von Wahlsieg zu Wahlsieg stürmt, beschäftigen sich deutsche Feministinnen nicht nur ausgiebig mit ihrem eigenen Achselhaarbewuchs, sondern erklären dies auch noch zur politischen Handlung; eine vom Narzissmus getriebene Mimikry des Politischen, Pseudo-Politik in Reinform.

Back to the roots

In Deutschland sind die Grünen in einer akademisch geprägten Blase mit überdurchschnittlichem Einkommen gefangen, von der SPD und der Linkspartei lässt sich das jedoch (noch) nicht sagen. Ein Zustand, der vergleichsweise komfortabel erscheint, zumindest, wenn man Mark Lillas Schilderungen über die Democratic Party Glauben schenkt. Bis in die Sechzigerjahre des letzten Jahrhunderts war es noch vollkommen normal, dass die Partei ihren Nachwuchs aus den Gewerkschaften und von den Farmen bezog, die Partei war lokal fest verankert; im Fall der rassistischen Dixiecrats sogar zu fest. Mittlerweile ist von der lokalen Verankerung nichts mehr übrig, die amerikanische Linke requiriert sich nahezu ausschließlich aus akademischen Kreisen: Juristen, Journalisten und Pädagogen.

Eine Blase sondergleichen, findet „linkes Leben“ in Amerika doch nur noch auf dem Campus und den Universitätsstädten an den Küsten statt. Städte, die unheimlich viel zu bieten haben, kulturell, kulinarisch und überhaupt. „Most have become meccas of a new consumerist culture for the highly educated“, so Lilla, nicht ohne Verachtung. „A thoroughly bourgeois setting without a trace of the demos, apart from the homeless men and women who flock there and whose job is to keep it real for the residents.“ Eine Umgebung, ein Milieu, das nicht nur wie geschaffen für die um sich selbst kreisende Pseudo-Politik der Identitätslinken ist, sondern den Graben zu den Menschen nur weiter vertieft, die als „werktätige Massen“ mal im Zentrum linker Politik standen. Und nach Youngstown, Ohio.

Was Lilla will? Dass die Linke endlich die Blase verlässt. Dass sie die Komfortzone der Colleges und Universities verlässt, dass sie den begrenzten Horizont der Universitätsstädte durchbricht und endlich wieder einen Begriff der Solidarität entwickelt, der für alle Bürger des Landes gilt, gleich, welcher Herkunft, welchem Geschlechts, welcher sexuellen Orientierung. Ein „Wir“, das Holly, Hillbilly Joe, Deborah Goldberg, Tyrone Washington und María Dolores de Martínez umfasst, statt weiter dem gruppenidentitären Narzissmus zu huldigen.

Dass die Linke – Winston Churchills „We shall fight on the beaches, we shall fight on the landing grounds, we shall fight in the fields and in the streets“ lässt grüßen – rausgeht und Wahlen gewinnt, Wahlen in den 3.142 Counties, in den 50 States, in der Union, statt bei Trump wie das Kaninchen auf die Schlange zu starren. Dazu muss die Linke aber – Helmut Schmidt hätte jetzt den Arzt gerufen – eine Vision entwickeln, eine Vision, die den „Citoyen-Formalismus“ (Ijoma Mangold) zur Grundlage hat und eine Vision für Boston und Youngstown, San Francisco und Ottumwa ist. Eine Vision, wie es Franklin D. Roosevelt und Ronald Reagan bereits vorgemacht haben.

Das gesamte Buch liest sich über alle 160 Seiten erstaunlich leicht. Vielleicht sogar zu leicht, das Werk erreicht nicht die intellektuelle Tiefe von „The Shipwrecked Mind – On Political Reaction“, Lillas letztem Buch. Auffällig ist auch die sprachliche Veränderung, während „The Shipwrecked Mind“ noch sehr feinsinnig daherkommt, ist „The Once and Future Liberal“ deutlich härter, deutlich polemischer im Tonfall. Was jedoch auch daran liegen mag, dass es Lilla bei „The Once and Future Liberal“ nicht ums Verstehen, sondern um die politische Handlung geht; er will, dass sich was verändert, dass die Linke endlich Trumps Truppen erfolgreich Paroli bieten kann. Ob Mark Lillas Diagnose zutrifft? Ich weiß es nicht, bin nach den 160 Seiten noch so unschlüssig wie nach seinem ersten New-York-Times-Essay über „The End of Identity Liberalism“. Dafür bin ich mir aber umso sicherer, dass sich das Nachdenken über Lillas Diagnose lohnt, schließlich landet er einige Treffer; so wie es derzeit bei Amerikas – und leider auch Europas – Linken läuft, kann es nicht weitergehen, außer, man will den Trumpisten, den Anhängern von Beppe Grillo, Marine Le Pen und Geert Wilders das Feld kampflos überlassen.

Mark Lilla
The Once and Future Liberal – After Identity Politics
HarperCollins, August 2017
160 Seiten

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Mark Lilla: The Shipwrecked Mind – On Political Reaction

The mind of the modern revolutionary has been the subject of great literature. But the reactionary has yet to find his Dostoevsky or Condrad. […] We owe it to ourselves to understand his hopes and fears, his assumptions, his convictions, his blindness, and, yes, his insights.

The Shipwrecked Mind makes a modest start.

(Mark Lilla, The Shipwrecked Mind, S. 14)

Als Teil der Buckower Elegien im Sommer 1953 entstanden, gehört Bertolt Brechts „Der Radwechsel“ zu den Gedichten, die Brecht unmittelbar als Reaktion auf den 17. Juni 1953 verfasst hat. Die Worte „Ich sitze am Straßenhang. Der Fahrer wechselt das Rad. Ich bin nicht gern, wo ich herkomme. Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre. Warum sehe ich den Radwechsel mit Ungeduld?“ sind mehr als nur die Gedanken eines ewig Unglücklichen, der weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart oder in der Zukunft sein privates Glück finden kann. Brecht war keine Mimose, er war ein durch und durch politischer Mensch, dessen politische Überzeugungen durch den 17. Juni erschüttert wurden, dessen Glauben an das vermeintlich bessere Deutschland, an den „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt“-Staat Risse bekam. Risse, die ihm Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft entfremdeten.

Mark Lilla: The Shipwrecked Mind – On Political Reaction
Mark Lilla: The Shipwrecked Mind – On Political Reaction

Wäre Brecht nicht das Aushängeschild par excellence der DDR gewesen, die Worte hätten womöglich staatliche Zensurmaßnahmen ausgelöst. Dass er die Vergangenheit nicht mehr als angenehm empfand, lag noch voll auf der Parteilinie. Plansoll, übererfüllt. Bei der Gegenwart brachte ihn die Unzufriedenheit hingegen schon auf Konfliktkurs mit der herrschenden Lehre, befand sich die Staatsmacht doch bereits in der Hand der Partei. Am problematischsten erweist sich jedoch die Zukunft. Dass er auch hier die Zuversicht verlor, stand der Ideologie der DDR diametral gegenüber, deren Verheißung doch darin lag, dass sie die Grundlagen für das kommende kommunistische Paradies schafft. Für die klassenlose Gesellschaft, die es einem jeden Menschen ermöglicht, „heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden“, so zumindest ihr größter Prophet, Karl Marx.

Dass die kommunistische Ideologie das Goldene Zeitalter als Versprechen und Verheißung in die Zukunft verlegt hat, ist unter revolutionären Bewegungen kein besonders kreativer Einfall, sondern die Regel. Allen revolutionäre Ideologien liegt die Überzeugung zugrunde, dass, wenn die Revolution erst einmal die Verhältnisse zum Tanzen gebracht hat, eine bessere, menschlichere Gesellschaft in die Menschheitsgeschichte tritt. Die Strukturen der Gegenwart müssen zerstört werden, müssen beseitigt werden, damit das neue Zeitalter das Licht der Welt erblickt. Eine blutige Geburt, die aber jedes (Menschen-)Opfer wert ist, ist die Gegenwart doch unerträglich, die Zukunft jedoch die große Verheißung. Durchaus mit messianischem Sound, wird das „Die Proletarier haben nichts in ihr zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen“ in unzähligen Variationen gespielt; Revolutionäre verachten die Vergangenheit, leiden unter der Gegenwart, glauben an die Zukunft.

The Shipwrecked Mind

Von Revolutionären geht eine starke Faszination aus, es brauchte nicht erst einen Che Guevara oder den Mao-Kult, um die Zeitgenossen in ihren Bann zu ziehen. Revolutionäre können ihr Handwerk noch so blutig verrichten, der Platz in den Geschichtsbüchern ist ihnen sicher, Namen wie Jean Paul Marat oder Maximilien de Robespierre müssen noch Jahrhunderte nach ihrem Tod von Schulkindern gelernt werden. Was auch daran liegt, dass, sehr selten, einzelne Revolutionen die Welt tatsächlich besser, freier und menschlicher gemacht haben; nicht alle Schecks auf eine bessere Zukunft sind geplatzt.

Entsprechend viel wurde über Revolutionäre geschrieben. Ihr Leben, ihre Ideologien, ihre Auswirkungen auf die Geschichte, ihr Einfluss auf die Ideengeschichte wurden nahezu umfassend abgehandelt. Grund genug für Mark Lilla, Professor für Ideengeschichte an der New Yorker Columbia University, sich mit denen zu beschäftigen, die nicht so sehr im Licht stehen, die unsexy sind, mit denen eigentlich niemand etwas zu tun haben will, den Reaktionären.

Obwohl keine 150 Seiten lang, gelingt es Mark Lilla mit „The Shipwrecked Mind – On Political Reaction“ ein Kaleidoskop an reaktionären Ideen, getrieben von Philosophie, Religion und Literatur, und, vor allem, reaktionären Denkern zu erschaffen. Denker, die allesamt im Fluss der Zeit nur noch die dahintreibenden Trümmer des verlorenen Paradieses erspähen. Grundlage des Buches sind sieben Essays, die Mark Lilla in den letzten Jahren für die The New York Review of Books und The New Republic geschrieben hat, das Kaleidoskop umfasst so unterschiedliche Köpfe wie den deutschen Juden Franz Rosenzweig und die deutsch-amerikanischen Politologen Eric Voegelin und Leo Strauss. Den Theokonservatismus – jüdisch, katholisch und evangelikal – in Amerika, dazu Ex-Linke wie Jacob Taubes und Alain Badiou, deren ideologischen Irrungen und Wirrungen sie schließlich zu Apostel Paulus und Carl Schmitt führten. Bei Badiou sogar direkt in den antisemitischen Sumpf. Und, schließlich, als Fanal, Frankreich, zur Zeit des Terroranschlags auf die Redaktion von Charlie Hebdo: Auf der einen Seite das Wiederaufleben des französischen Kulturpessimismus, eigentlich mit dem Vichy-Regime untergegangen, mit den Büchern „Le Suicide français“ von Éric Zemmour und „Submission“ von Michel Houellebecq. Und, auf der anderen Seite, die derzeit wohl hässlichste Fratze des reaktionären Denkens, der Islamismus.

The Golden Age

Aktion und Reaktion, in der Wahrnehmung kommen Reaktionäre vornehmlich als Gegenbewegung vor, als Antagonisten zu den Revolutionären, als nach Mottenkugeln müffelnde Antagonisten zu den Progressiven. Als bornierte, rückständige Stock-im-Arsch-Spießer, die jede Veränderung fürchten, die jede Veränderung bekämpfen, die die Zukunft als Zumutung empfinden. Was durchaus zutreffend sein kann, jedoch am Wesenskern des Reaktionären vorbeigeht.

Es sind die im Fluss der Zeit dahintreibenden Trümmer des Goldenen Zeitalters, die das reaktionäre Denken ausmachen. Laut Mark Lilla sieht der Revolutionär die strahlende Zukunft, der Reaktionär hingegen weidet sich am Glanz der Vergangenheit. Er, der Reaktionär, gleich welcher Spielart, ist getrieben von der Idee, dass es mal ein Goldenes Zeitalter gab. Ein Zeitalter, in dem die kulturelle Blüte erreicht wurde, in dem der Mensch entsprechend seiner (religiösen) Natur leben konnte, in dem sich die Gesellschaft in Harmonie befand. Ein Zeitalter, das längst in Trümmern liegt, das von den Geschichtsläufen und den modernen Ideen geschliffen wurde; unter den Temps modernes liegt das Paradies von ehedem begraben.

Kurz, der Reaktionär glaubt daran, dass der Weltgeist schon vor langer Zeit komplett falsch abgebogen ist. Beim Niedergang Roms, bei Augustinus, beim Schisma zwischen Sunniten und Schiiten, bei der Reformation, beim Untergang des Kalifats, bei der Aufklärung, bei der französischen Revolution, beim Liberalismus und Individualismus; jede Spielart des reaktionären Denkens hat ihr Goldenes Zeitalter und ihren Sündenfall. Weidend am Glanz der Vergangenheit, ist dem Reaktionär die Gegenwart unerträglich. Unerträglich wie dem Revolutionär, Revolutionären und Reaktionären ist das Zeitalter, in das sie geboren wurden, gleichermaßen zuwider. Er, der Reaktionär, sieht sich dabei jedoch laut Mark Lilla als „the guardian of what actually happened“ an, nicht als „the prophet of what might be.“

Beim Reaktionär handelt es sich auch nicht, wie fälschlicherweise oft angenommen wird, um eine verschärfte Version des Konservativen, denn letzterer ist immer noch in der Gegenwart verhaftet. Konservative betrachten die Zukunft zwar häufig mit Argwohn, fühlen sich von (zu viel) Veränderung bedroht, im Kern geht es ihnen aber ums Bewahren. Das Gute, das Schöne, das Wahre – oder das, was sie dafür halten – soll auch in Zeiten des Umbruchs bewahrt werden, bietet es doch Struktur, Orientierung und Bindung. Dem Konservativen giert es nicht danach, Tabula rasa zu machen, er will die Verhältnisse nicht zum Tanzen bringen, er glaubt nicht daran, dass die Gesellschaft komplett umgeworfen werden kann.

Der Reaktionär hingegen schon. In der harmlosen Version gleicht er, wenn er zur Tat schreitet, Miguel de Cervantes‘ Don Quijote, der, in einer Illusion gefangen, als Ritter das Goldene Zeitalter wieder aufleben lassen will. Eine tragisch-komische Figur, eine geprügelte Figur, die aber nicht nur den herrlich geerdeten Sancho Panza an ihrer Seite hat, sondern absurd, aber nobel daherkommt. In der brutalen Version gleicht der Reaktionär den ISIS-Schergen, die mordend, tötend, versklavend das Goldene Zeitalter des Kalifats wiederaufleben lassen wollen. Und dabei ganze Länder in den Abgrund stürzen. Oder, in den Worten Mark Lillas, „When the Golden Age meets the Apocalypse the earth begins to quake.“

The history of ideas

Mark Lilla hält Reaktionäre für aussichtslose Fälle. In doppelter Hinsicht. Das Goldene Zeitalter ist allein im nostalgischen Rückblick golden, das Zurückdrehen der Zeit ein hoffnungsloses („What is past is past; this is the thought he cannot bear“) Unterfangen. Trotzdem schafft Mark Lilla es in The Shipwrecked Mind, die reaktionären Denker fast schon liebevoll zu zeichnen. Zumindest bis zu Badious Waten im antisemitischen Sumpf, Éric Zemmours „Le Suicide français“-Agitprop und den islamistischen Mordbrennern.

The Shipwrecked Mind ist kein moralisierendes Buch, Mark Lilla will keine finsteren Gesellen entlarven, er will verstehen. Und deshalb reduziert er die reaktionären Denker nicht auf ihr aussichtsloses Unterfangen, ihre doch recht häufig anzutreffende Borniertheit, sondern zeigt die Größe ihres Denkens auf. Und Größe haben sie, gerade Franz Rosenzweig, Eric Voegelin und Leo Strauss waren unheimlich feinsinnige Denker, die sich auf nahezu geniale Weise an Religion, Philosophie und Geschichte abgearbeitet haben. Die Komplexität ihres Werkes ist beeindruckend, es wird nicht von Hass, sondern vor allem von der Traurigkeit des Seins getrieben. Was die Anhänger (gerade von Leo Strauss) jedoch nicht nicht davon abhält, sich mit billigen Versatzstücken aus eben jenen großartigen Werken zu bedienen, ein Schicksal, das Reaktionäre und Revolutionäre wieder einmal gemein haben.

Großartig und gleichzeitig abschreckend an den Reaktionären ist ihr Glaube an Ideen. Ähnlich wie Don Quijote Ritterromane verschlang, verschlingen sie die Werke aus Religion, Philosophie, Literatur und Geschichte, nur um ihrem eigenen Werk weitere Verästelungen hinzuzufügen. Und sie glauben nicht nur an Ideen an sich, sie glauben auch an die Macht der Ideen. In Marx‘ Materialismus noch neben dem Überbau als „Bewusstseinsformen“ zu einem Ausfluss der materiellen Produktion der Gesellschaft degradiert, überschätzen Reaktionäre die Wirkungsmacht der Ideen. Vornehmlich jedoch die Macht der Ideen, denen sie selbst feindlich gegenüberstehen. Sind sie es doch, die das Goldene Zeitalter zu Fall gebracht haben, nicht Kanonen. „Then alien ideas promoted by intellectuals – writers, journalists, professors – challenge this harmony and the will to maintain order weakens at the top. […] A false consciousness soon descends on the society as a whole as it willingly, even joyfully, heads for destruction“, so Mark Lilla, Ähnlichkeiten mit den „Westliche Bildung ist Sünde“-Leuten von Boko Haram und den „Genderismus ist der Untergang des Abendlandes“-Leuten von Pegida ist vermutlich nicht zufällig.

Ideen sind es auch, die Mark Lilla umtreiben. Er ist nicht „ein“ Professor für Ideengeschichte an der New Yorker Columbia University, sondern einer der bedeutendste Denker seines Fachs. In Detroit geboren, ist der Amerikaner ideengeschichtlich auf beiden Seiten des Atlantiks zu Hause. Gerade, was deutsche Ideengeschichte und deutsche Philosophie betrifft, ist er unheimlich firm, Hegel, Heidegger, Carl Schmitt und Konsorten beherrscht er aus dem Effeff, wie er bereits 2001 in „The Reckless Mind – Intellectuals and Politics“ bewiesen hat. Und in Religion, Geschichte und Literatur kann er die Jahrhunderte und Jahrtausende auch nur so runterspulen (und gleicht damit so manchem reaktionären Denker).

Das ist auch das, was ich für die größte Stärke und auch Schwäche des Buches halte. Keine 150 Seiten lang, ist das Buch wie eine Achterbahnfahrt durch die Ideengeschichte. Es werden mal eben nebenbei Augustinus und Hegel abgehandelt, es wird nur so zwischen den Jahrhunderten gesprungen, mal geht es um Deutschland, dann wieder um Frankreich und die Vereinigten Staaten. Und es fallen Namen, Namen, Namen, schließlich wurde ja jeder Denker von anderen Denkern beeinflusst. Eine Achterbahnfahrt, die wahnsinnig lehrreich ist, dem Leser aber viel abverlangt. Dafür ist die Sprache – Lilla ist schließlich Amerikaner – schnörkellos, vom deutschen Professoren-, Philosophen- und Meisterdenker-Jargon fehlt zum Glück jede Spur.

Mark Lilla
The Shipwrecked Mind – On Political Reaction
New York Review Books, September 2016
145 Seiten