Mark Lilla: The Shipwrecked Mind – On Political Reaction

The mind of the modern revolutionary has been the subject of great literature. But the reactionary has yet to find his Dostoevsky or Condrad. […] We owe it to ourselves to understand his hopes and fears, his assumptions, his convictions, his blindness, and, yes, his insights.

The Shipwrecked Mind makes a modest start.

(Mark Lilla, The Shipwrecked Mind, S. 14)

Als Teil der Buckower Elegien im Sommer 1953 entstanden, gehört Bertolt Brechts „Der Radwechsel“ zu den Gedichten, die Brecht unmittelbar als Reaktion auf den 17. Juni 1953 verfasst hat. Die Worte „Ich sitze am Straßenhang. Der Fahrer wechselt das Rad. Ich bin nicht gern, wo ich herkomme. Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre. Warum sehe ich den Radwechsel mit Ungeduld?“ sind mehr als nur die Gedanken eines ewig Unglücklichen, der weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart oder in der Zukunft sein privates Glück finden kann. Brecht war keine Mimose, er war ein durch und durch politischer Mensch, dessen politische Überzeugungen durch den 17. Juni erschüttert wurden, dessen Glauben an das vermeintlich bessere Deutschland, an den „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt“-Staat Risse bekam. Risse, die ihm Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft entfremdeten.

Mark Lilla: The Shipwrecked Mind – On Political Reaction
Mark Lilla: The Shipwrecked Mind – On Political Reaction

Wäre Brecht nicht das Aushängeschild par excellence der DDR gewesen, die Worte hätten womöglich staatliche Zensurmaßnahmen ausgelöst. Dass er die Vergangenheit nicht mehr als angenehm empfand, lag noch voll auf der Parteilinie. Plansoll, übererfüllt. Bei der Gegenwart brachte ihn die Unzufriedenheit hingegen schon auf Konfliktkurs mit der herrschenden Lehre, befand sich die Staatsmacht doch bereits in der Hand der Partei. Am problematischsten erweist sich jedoch die Zukunft. Dass er auch hier die Zuversicht verlor, stand der Ideologie der DDR diametral gegenüber, deren Verheißung doch darin lag, dass sie die Grundlagen für das kommende kommunistische Paradies schafft. Für die klassenlose Gesellschaft, die es einem jeden Menschen ermöglicht, „heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden“, so zumindest ihr größter Prophet, Karl Marx.

Dass die kommunistische Ideologie das Goldene Zeitalter als Versprechen und Verheißung in die Zukunft verlegt hat, ist unter revolutionären Bewegungen kein besonders kreativer Einfall, sondern die Regel. Allen revolutionäre Ideologien liegt die Überzeugung zugrunde, dass, wenn die Revolution erst einmal die Verhältnisse zum Tanzen gebracht hat, eine bessere, menschlichere Gesellschaft in die Menschheitsgeschichte tritt. Die Strukturen der Gegenwart müssen zerstört werden, müssen beseitigt werden, damit das neue Zeitalter das Licht der Welt erblickt. Eine blutige Geburt, die aber jedes (Menschen-)Opfer wert ist, ist die Gegenwart doch unerträglich, die Zukunft jedoch die große Verheißung. Durchaus mit messianischem Sound, wird das „Die Proletarier haben nichts in ihr zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen“ in unzähligen Variationen gespielt; Revolutionäre verachten die Vergangenheit, leiden unter der Gegenwart, glauben an die Zukunft.

The Shipwrecked Mind

Von Revolutionären geht eine starke Faszination aus, es brauchte nicht erst einen Che Guevara oder den Mao-Kult, um die Zeitgenossen in ihren Bann zu ziehen. Revolutionäre können ihr Handwerk noch so blutig verrichten, der Platz in den Geschichtsbüchern ist ihnen sicher, Namen wie Jean Paul Marat oder Maximilien de Robespierre müssen noch Jahrhunderte nach ihrem Tod von Schulkindern gelernt werden. Was auch daran liegt, dass, sehr selten, einzelne Revolutionen die Welt tatsächlich besser, freier und menschlicher gemacht haben; nicht alle Schecks auf eine bessere Zukunft sind geplatzt.

Entsprechend viel wurde über Revolutionäre geschrieben. Ihr Leben, ihre Ideologien, ihre Auswirkungen auf die Geschichte, ihr Einfluss auf die Ideengeschichte wurden nahezu umfassend abgehandelt. Grund genug für Mark Lilla, Professor für Ideengeschichte an der New Yorker Columbia University, sich mit denen zu beschäftigen, die nicht so sehr im Licht stehen, die unsexy sind, mit denen eigentlich niemand etwas zu tun haben will, den Reaktionären.

Obwohl keine 150 Seiten lang, gelingt es Mark Lilla mit „The Shipwrecked Mind – On Political Reaction“ ein Kaleidoskop an reaktionären Ideen, getrieben von Philosophie, Religion und Literatur, und, vor allem, reaktionären Denkern zu erschaffen. Denker, die allesamt im Fluss der Zeit nur noch die dahintreibenden Trümmer des verlorenen Paradieses erspähen. Grundlage des Buches sind sieben Essays, die Mark Lilla in den letzten Jahren für die The New York Review of Books und The New Republic geschrieben hat, das Kaleidoskop umfasst so unterschiedliche Köpfe wie den deutschen Juden Franz Rosenzweig und die deutsch-amerikanischen Politologen Eric Voegelin und Leo Strauss. Den Theokonservatismus – jüdisch, katholisch und evangelikal – in Amerika, dazu Ex-Linke wie Jacob Taubes und Alain Badiou, deren ideologischen Irrungen und Wirrungen sie schließlich zu Apostel Paulus und Carl Schmitt führten. Bei Badiou sogar direkt in den antisemitischen Sumpf. Und, schließlich, als Fanal, Frankreich, zur Zeit des Terroranschlags auf die Redaktion von Charlie Hebdo: Auf der einen Seite das Wiederaufleben des französischen Kulturpessimismus, eigentlich mit dem Vichy-Regime untergegangen, mit den Büchern „Le Suicide français“ von Éric Zemmour und „Submission“ von Michel Houellebecq. Und, auf der anderen Seite, die derzeit wohl hässlichste Fratze des reaktionären Denkens, der Islamismus.

The Golden Age

Aktion und Reaktion, in der Wahrnehmung kommen Reaktionäre vornehmlich als Gegenbewegung vor, als Antagonisten zu den Revolutionären, als nach Mottenkugeln müffelnde Antagonisten zu den Progressiven. Als bornierte, rückständige Stock-im-Arsch-Spießer, die jede Veränderung fürchten, die jede Veränderung bekämpfen, die die Zukunft als Zumutung empfinden. Was durchaus zutreffend sein kann, jedoch am Wesenskern des Reaktionären vorbeigeht.

Es sind die im Fluss der Zeit dahintreibenden Trümmer des Goldenen Zeitalters, die das reaktionäre Denken ausmachen. Laut Mark Lilla sieht der Revolutionär die strahlende Zukunft, der Reaktionär hingegen weidet sich am Glanz der Vergangenheit. Er, der Reaktionär, gleich welcher Spielart, ist getrieben von der Idee, dass es mal ein Goldenes Zeitalter gab. Ein Zeitalter, in dem die kulturelle Blüte erreicht wurde, in dem der Mensch entsprechend seiner (religiösen) Natur leben konnte, in dem sich die Gesellschaft in Harmonie befand. Ein Zeitalter, das längst in Trümmern liegt, das von den Geschichtsläufen und den modernen Ideen geschliffen wurde; unter den Temps modernes liegt das Paradies von ehedem begraben.

Kurz, der Reaktionär glaubt daran, dass der Weltgeist schon vor langer Zeit komplett falsch abgebogen ist. Beim Niedergang Roms, bei Augustinus, beim Schisma zwischen Sunniten und Schiiten, bei der Reformation, beim Untergang des Kalifats, bei der Aufklärung, bei der französischen Revolution, beim Liberalismus und Individualismus; jede Spielart des reaktionären Denkens hat ihr Goldenes Zeitalter und ihren Sündenfall. Weidend am Glanz der Vergangenheit, ist dem Reaktionär die Gegenwart unerträglich. Unerträglich wie dem Revolutionär, Revolutionären und Reaktionären ist das Zeitalter, in das sie geboren wurden, gleichermaßen zuwider. Er, der Reaktionär, sieht sich dabei jedoch laut Mark Lilla als „the guardian of what actually happened“ an, nicht als „the prophet of what might be.“

Beim Reaktionär handelt es sich auch nicht, wie fälschlicherweise oft angenommen wird, um eine verschärfte Version des Konservativen, denn letzterer ist immer noch in der Gegenwart verhaftet. Konservative betrachten die Zukunft zwar häufig mit Argwohn, fühlen sich von (zu viel) Veränderung bedroht, im Kern geht es ihnen aber ums Bewahren. Das Gute, das Schöne, das Wahre – oder das, was sie dafür halten – soll auch in Zeiten des Umbruchs bewahrt werden, bietet es doch Struktur, Orientierung und Bindung. Dem Konservativen giert es nicht danach, Tabula rasa zu machen, er will die Verhältnisse nicht zum Tanzen bringen, er glaubt nicht daran, dass die Gesellschaft komplett umgeworfen werden kann.

Der Reaktionär hingegen schon. In der harmlosen Version gleicht er, wenn er zur Tat schreitet, Miguel de Cervantes‘ Don Quijote, der, in einer Illusion gefangen, als Ritter das Goldene Zeitalter wieder aufleben lassen will. Eine tragisch-komische Figur, eine geprügelte Figur, die aber nicht nur den herrlich geerdeten Sancho Panza an ihrer Seite hat, sondern absurd, aber nobel daherkommt. In der brutalen Version gleicht der Reaktionär den ISIS-Schergen, die mordend, tötend, versklavend das Goldene Zeitalter des Kalifats wiederaufleben lassen wollen. Und dabei ganze Länder in den Abgrund stürzen. Oder, in den Worten Mark Lillas, „When the Golden Age meets the Apocalypse the earth begins to quake.“

The history of ideas

Mark Lilla hält Reaktionäre für aussichtslose Fälle. In doppelter Hinsicht. Das Goldene Zeitalter ist allein im nostalgischen Rückblick golden, das Zurückdrehen der Zeit ein hoffnungsloses („What is past is past; this is the thought he cannot bear“) Unterfangen. Trotzdem schafft Mark Lilla es in The Shipwrecked Mind, die reaktionären Denker fast schon liebevoll zu zeichnen. Zumindest bis zu Badious Waten im antisemitischen Sumpf, Éric Zemmours „Le Suicide français“-Agitprop und den islamistischen Mordbrennern.

The Shipwrecked Mind ist kein moralisierendes Buch, Mark Lilla will keine finsteren Gesellen entlarven, er will verstehen. Und deshalb reduziert er die reaktionären Denker nicht auf ihr aussichtsloses Unterfangen, ihre doch recht häufig anzutreffende Borniertheit, sondern zeigt die Größe ihres Denkens auf. Und Größe haben sie, gerade Franz Rosenzweig, Eric Voegelin und Leo Strauss waren unheimlich feinsinnige Denker, die sich auf nahezu geniale Weise an Religion, Philosophie und Geschichte abgearbeitet haben. Die Komplexität ihres Werkes ist beeindruckend, es wird nicht von Hass, sondern vor allem von der Traurigkeit des Seins getrieben. Was die Anhänger (gerade von Leo Strauss) jedoch nicht nicht davon abhält, sich mit billigen Versatzstücken aus eben jenen großartigen Werken zu bedienen, ein Schicksal, das Reaktionäre und Revolutionäre wieder einmal gemein haben.

Großartig und gleichzeitig abschreckend an den Reaktionären ist ihr Glaube an Ideen. Ähnlich wie Don Quijote Ritterromane verschlang, verschlingen sie die Werke aus Religion, Philosophie, Literatur und Geschichte, nur um ihrem eigenen Werk weitere Verästelungen hinzuzufügen. Und sie glauben nicht nur an Ideen an sich, sie glauben auch an die Macht der Ideen. In Marx‘ Materialismus noch neben dem Überbau als „Bewusstseinsformen“ zu einem Ausfluss der materiellen Produktion der Gesellschaft degradiert, überschätzen Reaktionäre die Wirkungsmacht der Ideen. Vornehmlich jedoch die Macht der Ideen, denen sie selbst feindlich gegenüberstehen. Sind sie es doch, die das Goldene Zeitalter zu Fall gebracht haben, nicht Kanonen. „Then alien ideas promoted by intellectuals – writers, journalists, professors – challenge this harmony and the will to maintain order weakens at the top. […] A false consciousness soon descends on the society as a whole as it willingly, even joyfully, heads for destruction“, so Mark Lilla, Ähnlichkeiten mit den „Westliche Bildung ist Sünde“-Leuten von Boko Haram und den „Genderismus ist der Untergang des Abendlandes“-Leuten von Pegida ist vermutlich nicht zufällig.

Ideen sind es auch, die Mark Lilla umtreiben. Er ist nicht „ein“ Professor für Ideengeschichte an der New Yorker Columbia University, sondern einer der bedeutendste Denker seines Fachs. In Detroit geboren, ist der Amerikaner ideengeschichtlich auf beiden Seiten des Atlantiks zu Hause. Gerade, was deutsche Ideengeschichte und deutsche Philosophie betrifft, ist er unheimlich firm, Hegel, Heidegger, Carl Schmitt und Konsorten beherrscht er aus dem Effeff, wie er bereits 2001 in „The Reckless Mind – Intellectuals and Politics“ bewiesen hat. Und in Religion, Geschichte und Literatur kann er die Jahrhunderte und Jahrtausende auch nur so runterspulen (und gleicht damit so manchem reaktionären Denker).

Das ist auch das, was ich für die größte Stärke und auch Schwäche des Buches halte. Keine 150 Seiten lang, ist das Buch wie eine Achterbahnfahrt durch die Ideengeschichte. Es werden mal eben nebenbei Augustinus und Hegel abgehandelt, es wird nur so zwischen den Jahrhunderten gesprungen, mal geht es um Deutschland, dann wieder um Frankreich und die Vereinigten Staaten. Und es fallen Namen, Namen, Namen, schließlich wurde ja jeder Denker von anderen Denkern beeinflusst. Eine Achterbahnfahrt, die wahnsinnig lehrreich ist, dem Leser aber viel abverlangt. Dafür ist die Sprache – Lilla ist schließlich Amerikaner – schnörkellos, vom deutschen Professoren-, Philosophen- und Meisterdenker-Jargon fehlt zum Glück jede Spur.

Mark Lilla
The Shipwrecked Mind – On Political Reaction
New York Review Books, September 2016
145 Seiten

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Autor: Tobias Blanken

Citizen of nowhere

5 Kommentare zu „Mark Lilla: The Shipwrecked Mind – On Political Reaction“

  1. Danke für die Empfehlung, ich werde das Buch interessiert lesen. Was ich so allerdings nicht nachvollziehen kann, ist der Einsatz von „Reaktionär“ als Antonym zum „Revolutionär“. Gerade die Faschisten diverser Ausprägung – zugestandenerweise aber nicht die Nationalsozialisten – sahen sich selbst gerne als reaktionäre Revolutionäre. Mussolini erklärte etwa mehrfach explizit, die „faschistische Revolution“ scheue sich nicht, sich reaktionär, illiberal und antiliberal zu nennen. Auch bezogen sich die portugiesische Ditadura Militar, Salazar, Dollfuß, Franco & Co. bei ihren revolutionären Umstürzen explizit auf reaktionäre Ideen. Der Gegensatz existiert daher so mMn nicht. Auch die Islamofaschisten streben ja eine reaktionäre Revolution an.

    1. Abgesehen von den Islamisten und, mit Abstrichen, Éric Zemmour umgeht er die richtig üblen Kerle (es sind wirklich durchgängig Männer). Ich kann es auch nachvollziehen, weil die viertel-/halb-/vollfaschistischen Regime (und erst recht die deutschen Nazis) ein Spezialfall sind, die in ihrer Ideologie ein Amalgam aus modernen, linken und reaktionären Ideen angerührt haben. Was ich spannender fände, was er aber auch nicht thematisiert, sind Leute wie Ludendorff. Und die ganze „Konservative Revolution“-Fraktion, die den Namen irrtümlich trägt, sind’s doch auch eher militante Reaktionäre.

      1. Wobei natürlich verständlich ist, dass man die Beschäftigung mit intellektuell substanzlosen Figuren wie Ludendorff lieber vermeidet. (Gerade, wenn sie im Endeffekt nur historische Fußnoten geblieben sind.) Ohne das Buch noch gelesen zu haben, erscheinen mir die Klerikalfaschisten, die wohl eindeutig reaktionär sind, in Anbetracht ihrer Erfolge im 20. Jhdt. da die bedeutendere Auslassung. Aber das sind bei einem 150-Seiten-Buch ohne Anspruch auf umfassende Darstellung zugestandenermaßen auch geschmäcklerische Einwände.

      2. Du wirst das Lesen zumindest nicht bereuen, gehe ich fest von aus. Und 150 Seiten sind für dich doch eine Zugfahrt, also hast du auch nicht viel zu verlieren.

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