Jok Madut Jok: Breaking Sudan – The Search for Peace

In short, this book is about the social and political history of South Sudan, a study in political violence, war and ethnic relations, peace negotiations, post-independence statecraft and nation-building.

(Jok Madut Jok, Breaking Sudan, S. 64)

„Ich liebe Deutschland“, so François Mauriac, der im Ersten Weltkrieg Sanitäter, im Zweiten Mitglied der Résistance gewesen ist, 1966 über den ehemaligen Kriegsgegner, „ich liebe es so sehr, dass ich sehr zufrieden bin, dass es zwei davon gibt.“ Ein Spruch, der in Deutschland naturgemäß wenig Begeisterung ausgelöst hat; 1967 legte Mauriac, dabei durchaus versöhnlich gestimmt, nach, dass er zwar „voller Respekt und voller Bewunderung für Deutschland“ sei, die Deutschen jedoch nun einmal „schreckliche Tugenden“ hätten. Auch damit machte er es nicht wirklich besser, schließlich waren die meisten Deutschen damals alles andere als glücklich über die Aus-eins-mach-zwei-Nummer, was Deutschland betraf.

Jok Madut Jok: Breaking Sudan – The Search for Peace
Jok Madut Jok: Breaking Sudan – The Search for Peace

Als der Sudan 2011 in Sudan und Südsudan geteilt wurde, stellte sich die Situation gänzlich anders dar. Bereits 1956, im Jahr der sudanesischen Unabhängigkeit, tobte der erste Bürgerkrieg zwischen dem Norden und Süden des größten afrikanischen Landes. Beendet wurde der Bürgerkrieg erst 1972, der fragile Frieden hielt aber nur bis 1983, danach folgten zweiundzwanzig weitere Jahre Bürgerkrieg zwischen den beiden Landesteilen, bis 2005 endlich ein Friedensabkommen (Comprehensive Peace Agreement, CPA) geschlossen werden konnte, das dem Süden die Möglichkeit einer Volksabstimmung über die staatliche Unabhängigkeit einräumte. Als das Referendum schließlich Anfang 2011 durchgeführt wurde, stimmten 98,8 Prozent der Südsudanesen für einen eigenen Staat; ein Ergebnis wie bei den Wahlen in der DDR, in diesem Fall jedoch ohne systematische Wahlmanipulationen, so verhasst war das Regime aus der nördlichen Hauptstadt Khartum im Süden. Die Südsudanesen wollten die Teilung des Landes; eine Zukunft ohne Gewalt, Unterdrückung und systematischer Marginalisierung durch den Staat wurde allein in der vollständigen Unabhängigkeit gesehen.

Die Afrikanische Union, eigentlich eine Organisation, die Sezessionen wie der Teufel das Weihwasser fürchtet, hat den Teilungsplan schließlich ebenfalls befürwortet, befürchtete sie doch andernfalls einen weiteren blutigen Ausbruch des scheinbar ewigen Nord-Süd-Konfliktes, dessen Wurzeln sich bis zur Sklavenjagd zurückverfolgen lassen. Oder sogar noch länger. Ähnliches galt für Sudans Nachbarländer, die während der Jahrzehnte des Bürgerkrieges Millionen Flüchtlinge aufnehmen mussten, auch sie setzten ihre Hoffnungen auf eine Unabhängigkeit des Südens. Zwar unter Bauchschmerzen, da diese Länder allesamt die Signalwirkung für einheimische sezessionistische Bewegungen fürchteten, aber sie taten es. Selbst Khartum sah die Trennung vom Süden mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Einerseits gingen mit dem Süden zwar mehr als drei Viertel aller Ölfelder verloren (ebenso wie der fürs Regime prestigeträchtige Status als Afrikas größtes Land), andererseits versprach sich die Elite des Landes rund um den Präsidenten Omar al-Baschir von der Trennung einen großen Schritt hin zu einer ethnisch homogenen arabisch-islamischen Nation. Und eine Befriedigung des gebeutelten Landes, um endlich die bisher ungenutzten ökonomischen Potenziale des Landes freizusetzen.

Hätte François Mauriac 2011 „Ich liebe den Sudan, ich liebe ihn so sehr, dass ich sehr zufrieden bin, dass es zwei davon gibt“ gesagt, niemand hätte sich vor den Kopf gestoßen gefühlt, knüpften doch so viele Nord- und Südsudanesen ihre Hoffnung auf ein besseres Leben an die sudanesische Aus-eins-mach-zwei-Lösung. „High five, Monsieur Mauriac!“, hätten nicht wenige Sudanesen aus Nord und Süd gerufen.

The Search for Peace

Spätestens mit dem Ausbruch des südsudanesischen Bürgerkriegs Ende 2013 wurde allen Beobachtern brutal vor Augen geführt, dass die großen Hoffnungen trogen. Es gibt jetzt zwei Sudans, die jedoch dem alten, von scheinbar endloser Gewalt geprägten Sudan nur allzu sehr gleichen. Im nördlichen sudanesischen Reststaat bekämpft das Khartumer Regime jetzt andere aufständische Landesteile (bezeichnenderweise „The New South“ genannt) umso heftiger, während im Südsudan ein Bürgerkrieg geführt wird, der dem alten Nord-Süd-Bürgerkrieg bei den begangenen Grausamkeiten um nichts nachsteht, das Ausmaß der Kriegsvergewaltigungen übertrifft sogar alle vorherigen Konflikte. Auch die Nachbarländer sind wieder gezwungen, Millionen Flüchtlinge aufzunehmen, was angesichts der Armut von Kenia, Äthiopien und Co. eine erhebliche Belastung darstellt, gerade angesichts der katastrophalen Ernährungslage in den Ländern.

Die Frage, warum die großen Hoffnungen von 2011 so brutal enttäuscht wurden, lässt sich noch am leichtesten beim nördlichen sudanesischen Reststaat beantworten. Khartums Hoffnungen („We can now breathe and develop an Arab and Islamic nation“, Al-Taib Mustafa, ein einflussreicher Onkel von Omar al-Baschir) auf einen ethnisch homogenen Staat führten das Regime nahezu zwangsläufig auf Kollisionskurs mit Gebieten wie Dschanub Kurdufan, an-Nil al-azraq oder Darfur, die mehrheitlich von nicht-arabischen Volksgruppen bewohnt werden. Verschärfend kommt hinzu, dass Khartums präferierte Konfliktlösungsstrategie Gewalt ist, statt einen politischen Ausgleich zu schaffen, setzt das Regime vornehmlich auf Milizen und Militär; Rufe nach politischer Partizipation von marginalisierten Volksgruppen beantwortet Khartum mit Flächenbombardements aus Antonow-Flugzeugen. Dass der Internationale Strafgerichtshof (ICC) einen Haftbefehl für Omar al-Baschir ausgestellt hat, hat seinen Grund.

Die Frage für den Südsudan zu beantworten, warum das so hoffnungsfroh – free at last! – in die Unabhängigkeit gestartete Land nach nur rund zweieinhalb Jahren im Bürgerkrieg versank (und noch immer versunken ist), ist deutlich schwieriger, da der Bürgerkrieg nicht nur unheimlich brutal geführt wird, sondern von unzähligen Beobachtern regelrecht als sinnlos empfunden wird.

Jok Madut Jok, Professor für Geschichte an der kalifornischen Loyola Marymount University und Professor für Anthropologie an der südsudanesischen University of Juba, versucht mit „Breaking Sudan“ zu beantworten, wie und warum es im Südsudan zum Bürgerkrieg gekommen ist. Im Mittelpunkt des Buches stehen die Jahre der Unabhängigkeit von 2011 bis einschließlich 2016, wobei er auch die Übergangsphase von 2005 bis 2011 und den Bürgerkrieg von 1983 bis 2005 thematisiert. Nicht, weil er einen Hang zum Abschweifen hätte, sondern weil er die These vertritt, dass der Bürgerkrieg zwar nicht zwangsläufig ausbrechen musste, aber angesichts der ungeheuren Erblasten, die der Südsudan aus dieser Zeit geerbt hat, in gewisser Weise doch absehbar war. Und die südsudanesische Regierung nur unzureichend auf eben diese Erblasten reagierte.

Cry „Havoc!“, and let slip the dogs of war

Vordergründig war es im Südsudan ein Machtkampf zwischen dem Regierungschef und dem Vizeregierungschef, der für den Bürgerkrieg verantwortlich ist. Der Vizeregierungschef wollte angeblich/vermeintlich/offenbar gegen den Regierungschef putschen, weshalb er vom Regierungschef seines Amtes enthoben wurde. Die Beteiligten auf beiden Seiten mobilisierten daraufhin ihre Anhänger im Militär und in der Bevölkerung entlang von ethnischen Zugehörigkeiten, aus den blutigen Zusammenstößen entwickelte sich dann in ungeheurer Geschwindigkeit ein Krieg zwischen den Nuer und den Dinka, den beiden größten Volksgruppen des Südsudans, der trotz unzähliger Friedensinitiativen bis heute tobt.

Das ist die vordergründige Erklärung, der Jok Madut Jok in Breaking Sudan jedoch nur wenige Zeilen schenkt. Ebenso wie dem Verlauf des Bürgerkrieges, da der Kriegsverlauf wenig bis gar nichts zum Verständnis des Landes beiträgt. Auch reicht es nicht aus, den Bürgerkrieg als einen Kampf zwischen den Nuer und den Dinka zu betrachten, da beide Volksgruppen vor dem Bürgerkrieg recht gut miteinander auskamen. Es gab zwar – wie seit Jahrhunderten – Animositäten und lokale Auseinandersetzungen zwischen den beiden Volksgruppen, aber nichts, was unter normalen Umständen von einem schnöden Machtkampf in der Regierung zu einem grausamen Krieg mit unzähligen Verbrechen an der Zivilbevölkerung geführt hätte. Allein, beim Südsudan gab es keine normalen Umstände.

Bei der Unabhängigkeit verfügte der Südsudan über fünfundzwanzig Meilen asphaltierter Straße. Insgesamt, im ganzen Land. Siebenundzwanzig Prozent der rund zwölf Millionen Südsudanesen galten nicht (!) als Analphabeten, es gab praktisch keine staatliche Krankenversorgung. Das alles, weil es in den Jahrzehnten unter der Khartumer Herrschaft keine staatlichen Strukturen im Süden gab. Präsenz zeigte der sudanesische Staat im Süden vornehmlich in Form von Antonow-Flugzeugen und anderem Kriegsgerät, Omar al-Baschir und seine Amtsvorgänger haben keine Ressourcen in die Hand genommen, um im Süden Infrastruktur oder gar ein funktionierendes Bildungs-, Kranken-, Polizei- oder Justizwesen aufzubauen. Bei der Unabhängigkeit mutete der Südsudan wie eine libertäre Dystopie an, die körperliche Unversehrtheit wurde nicht durch den Staat gesichert, sondern durch Waffenbesitz (von denen es nach Jahrzehnten des Bürgerkrieges reichlich gab) und Stammeszugehörigkeit. Der Südsudan hat bei der Teilung des Landes keinen Staat geerbt, der Staat musste erst noch geschaffen werden.

Ebenfalls nicht geerbt hat der Südsudan laut Jok Madut Jok eine Nation. Das Land besteht aus mehr als sechzig verschiedenen Ethnien, deren größter gemeinsamer Nenner der Kampf gegen das verhasste Khartum war. Der alte Bürgerkrieg gegen den Norden konnte die unzähligen Konflikte innerhalb des Südens kaschieren und, in geringerem Maße, absorbieren. Absorbieren nur insofern, als dass trotzdem im Süden unzählige kleine Bürgerkriege im großen Nord-Süd-Bürgerkrieg tobten, die zusätzlich noch – divide et impera – von Khartum bewusst angeheizt wurden, gerne auch entlang von ethnischen Zugehörigkeiten. Aufgearbeitet wurde vom neuen südsudanesischen Staat nicht einer dieser kleinen Bürgerkriege, es wurde „Schwamm drüber, let bygones be bygones“ gedacht, nicht ein einziger Täter wurde zur Rechenschaft gezogen, obwohl schon damals furchtbare Massaker begangen wurden. Massaker, die nahezu zwangsläufig eine Verrohung der Bevölkerung nach sich zogen.

Nach der Unabhängigkeit gab es angesichts all der tickenden Zeitbomben ein sich schließendes Zeitfenster, in dem state building und nation building hätten erfolgen müssen. Die südsudanesische Regierung war damit jedoch heillos überfordert. Schlimmer noch, sie hat Entscheidungen getroffen, die die Lage nur noch weiter verschärften.

Live together, die alone

„A country at peace where everyone walks around counting his own money and slips his hand in his own pocket“, so Jok Madut Joks Übersetzung einer Liedzeile aus dem Dinka ins Englische. Einer Zeile, die aus einem Siebzigerjahre-Lied stammt, das zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit ein Revival erlebte, drückte es doch die Hoffnungen der Südsudanesen auf ihr neues, eigenes, freies Land aus. In Frieden leben, Geld verdienen, frei von Kriminalität und Korruption sein. Das war das, wofür die Südsudanesen – egal, ob Dinka, Nuer, Bari, Jur Modo oder Luo – über Jahrzehnte gegen den Norden gekämpft haben. Das war das gemeinsame Erbe, die Vorstellung von einem besseren Leben, über das eine gemeinsame südsudanesische Identität möglich gewesen wäre. Nur gab es leider nie eine Friedensdividende.

Haupteinnahmequelle des Südsudans, der, wenig überraschend, über kein flächendeckendes Steuersystem verfügt, waren die Ölfelder. Ölfelder, die bis zu achtundneunzig Prozent der Staatseinnahmen generierten, für deren Ausbeutung das Land aber auch nach der Unabhängigkeit weiterhin auf den nördlichen Sudan angewiesen war. Nur dieser besaß die notwendigen Raffinerien und Verladestationen, während der Südsudan noch nicht einmal einen Meereszugang hat. Eine ökonomisch und geografisch erzwungene Kooperation, die im Friedensabkommen – wie leider viel zu viele andere strittige Punkte – nur unzureichend fixiert wurde.

Es kam, wie es kommen musste, aufgrund von Streitigkeiten über die Aufteilung der Erlöse stellte der Südsudan die Lieferung des Öls in den Sudan ein, um einen besseren Preis von Khartum zu erzwingen. Laut Jok Madut Jok eine saudumme Idee, war Khartum doch bereit, sich auf die ökonomische Konfrontation einzulassen und den Ausfall der Ölzufuhr auszusitzen, selbst wenn das Land sich damit ebenfalls ins eigene Fleisch schnitt. Die Folgen für den Südsudan waren dann auch verheerender als für den nördlichen Nachbarn, mit dem Wegfall der Haupteinnahmequelle musste das Land sich mit Krediten über Wasser halten und ein drastisches Austeritätsprogramm implementieren – genau zu dem Zeitpunkt, in dem state building und nation building hätten erste Erfolge zeigen müssen.

Um die soziale Lage im Land zu verbessern, setzte der Südsudan primär auf niedrigere Lebensmittelpreise. Möglich gemacht werden sollte dies unter anderem durch eine unkonventionelle Form von Importsubventionen, der südsudanesische Staat kaufte im großen Stil Importverträge für Sorghumhirse (das sudanesische Grundnahrungsmittel) auf, um diese anschließend, so war es zumindest geplant, für den halben Preis an die Bürger zu verkaufen. Ein Plan, der in der Theorie vielleicht Sinn ergeben mag, in der Praxis jedoch dazu geführt hat, dass das Land mit fingierten Importverträgen geflutet wurde; das Land zahlte rund vier Milliarden Dollar für Lebensmittel, die nie den Südsudan erreichten. Es war der größte Korruptionsskandal des jungen Landes, das Geld war weg, es gab keine zusätzlichen Lebensmittel, dafür aber sehr viele Neureiche im Land, die entweder staatliche Stellen innehatten oder gute Kontakte zu staatlichen Stellen hatten. Oder auch einfach nur enorm viel kriminelle Energie besaßen.

Weiter oben wurde bereits geschrieben, dass der neue südsudanesische Staat mit einer „Schwamm drüber, let bygones be bygones“-Haltung die kleinen Bürgerkriege im großen Nord-Süd-Bürgerkrieg vergessen machen wollte. Am augenfälligsten wurde dies im Militär praktiziert, es wurde eine Amnestie ausgesprochen, bei der sämtliche Milizen in die südsudanesische Armee aufgenommen wurden, ganz gleich, auf welcher Seite sie gekämpft haben. Oder gegen wen. Häufig sogar verbunden mit großzügigen Beförderungen, führte diese Praxis dazu, dass der Südsudan einen überdimensionierten Militärapparat besaß, der sich aus unzuverlässigen Führungskräften und Soldaten zusammensetzte, denen es an Professionalität und militärischer Disziplin mangelte. Dafür kostete das Militär aber Unsummen, mehr als fünfzig Prozent der Staatsausgaben flossen in die überdimensionierte, unzuverlässige Truppe. Zum Vergleich, für das Bildungs- und Krankenwesen gingen sieben Prozent der Staatsausgaben drauf. Zusammen, nicht jeweils.

Of the people, by the people, for the people

Der südsudanesische Staatsaufbau war, wie so vieles in dem Land, vornehmlich in der Theorie gut. Geprägt vom Kampf um die Unabhängigkeit von Khartum, haben die Südsudanesen ein föderales System entwickelt, das aus zehn Bundesstaaten, neunundsiebzig Counties, hunderten „payams“ und tausenden „bomas“, also der kleinsten lokalen Ebene, bestand. Angesichts der Diversität des Landes ist diese Struktur deutlich besser als ein zentralistischer Staatsaufbau; der explizite Sinn hinter dem Föderalismus bestand darin, den Staat näher an die Bürger zu bringen.

Die Idee war gut, die Ausführung miserabel. Aufgrund der vielen Probleme, mit denen sich der Südsudan herumschlagen musste, kam es nie zu Wahlen auf der Ebene der Counties, die Kommissare wurden stattdessen vom jeweiligen Gouverneur nominiert und vom Präsidenten ernannt. Damit ging ein Bruch der Verantwortlichkeit einher, die Kommissare buhlen unablässig um die Gunst der höheren politischen Ebene, statt sich den Bewohnern in ihrem County verantwortlich zu fühlen. Statt ein funktionierendes föderales System zu schaffen, wurde (unbeabsichtigt?) eine Günstlingswirtschaft etabliert, der Staat war nicht näher am Bürger, sondern fern wie eh und je.

Jok Madut Jok führt in Breaking Sudan unzählige weitere Probleme auf, die der Südsudan bis heute nicht gelöst hat. Probleme, die letztlich den Boden für den Bürgerkrieg bereitet haben. Dass der Staat den Bürgern fern wie eh und je war, ist jedoch ein zentraler Punkt, der sich in unterschiedlichen Variationen durch das rund vierhundert Seiten lange Buch zieht. Auch wenn Jok Madut Jok es nicht schreibt, denkt man doch unweigerlich an die Gettysburg Address und ihrem „Of the people, by the people, for the people“, ist es doch das, was der südsudanesische Staat eben nicht realisiert hat. Der junge Staat versagte darin, eine gemeinsame südsudanesische Identität abseits vom ehemals konstituierenden Nord-Süd-Konflikt zu stiften; die Erfolge beim state building und nation building waren unterm Strich bestenfalls bescheiden, die Friedensdividende fiel komplett ins Wasser.

Angesichts der großen Hoffnungen, die sich die Südsudanesen bei der Unabhängigkeit gemacht haben, müssen Enttäuschung, Desillusionierung und Frustration enorm gewesen sein. Zieht man dann noch die ganzen Erblasten, insbesondere die brutale Gewalterfahrung, hinzu, war es vielleicht wirklich zwangsläufig, dass das Land wieder im Bürgerkrieg versinkt, zu welchem Anlass auch immer.

Das liest sich jetzt alles eher deprimierend, wird aber Jok Madut Joks Breaking Sudan nicht gerecht. Das Buch ist vor allem informativ, hebt sich damit angenehm von den üblichen Berichten über den Sudan ab, die immer zwischen Empörung und Betroffenheit changieren. Zumindest fühlte ich mich nach dem Lesen des Buches besser informiert, und das ist so ziemlich das Beste, was man über ein Sachbuch sagen kann.

Jok Madut Jok
Breaking Sudan – The Search for Peace
Oneworld Publications, April 2017
432 Seiten

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Autor: Tobias Blanken

Citizen of nowhere

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